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Interview mit Dr. med. Karsten Henkel über Burnout & Depression in Sport & Wirtschaft

Zusatzmaterial Kapitel 10 von LIMIT SKILLS. Die eigenen Grenzen respektieren, testen, überwinden (Verletzung und Krankheit als Grenze. Warum sich Rückschläge auch als Geschenk entpuppen können)

Dr. med. Karsten Henkel ist Leiter des Referats Sportpsychiatrie und -psychotherapie der DGPPN und Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Uniklinik RWTH Aachen. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Neurologie, Zusatzbezeichnungen: Geriatrie, Spezielle Schmerztherapie, Suchtmedizinische Grundversorgung. Kontakt: khenkel@ukaachen.de

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Burnout, Erschöpfungsdepression, depressive Verstimmung, Depression. Es schwirren viele Begrifflichkeiten herum. Was ist genau was?
Depressive Symptome können bei unterschiedlichen psychischen Störungs- und Krankheitsbildern vorkommen. Für die Diagnose einer depressiven Episode gibt es klar festgelegte Kriterien. Zu den drei Hauptsymptomen gehören eine gedrückte Stimmung und Traurigkeit, ein Interessenverlust und Freudlosigkeit sowie Antriebsmangel und eine erhöhte Ermüdbarkeit und Erschöpfung.  Weitere Nebensymptome sind vermindertes Selbstwertgefühl, Konzentrationsstörungen, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle, Suizidgedanken, Appetitmangel, Schlafstörungen und eine pessimistische Zukunftsperspektive. Je nach Konstellation von zwei bis drei Hauptsymptomen und der Zusatzsymptome kann die depressive Episode in die Schweregrade leicht, mittel und schwer eingeteilt werden. Die Symptome müssen zudem über mindestens zwei Wochen durchgehend bestehen. Daneben wird eine wahnhafte Depression abgegrenzt, wenn überwertige psychotische Symptome auftreten wie z.B. Verarmungswahn oder Versündigungserleben.  Treten depressive Episoden häufiger im Leben auf, spricht man von einer rezidivierenden (wiederkehrenden) depressiven Störung. Depressive Episoden können auch im Rahmen von bipolaren Störungen auftreten, dann liegen phasenhaft depressive oder manische (d.h. euphorische) Krankhheitszeichen vor. Treten depressive Symptome als Folge von negativen Erlebnissen auf, die aber nicht die genannten Kriterien einer depressiven Episode entsprechen, spricht man von einer Anpassungsstörung oder depressiven Reaktion. Der Begriff Burnout entspricht keiner medizinischen Diagnose. Hierunter versteht man im Allgemeinen, dass eine Person nach zuvor großem Einsatz (meist im beruflichen Kontext verwendet) eine Erschöpfungsreaktion aufweist. Der Zustand kann aber in eine manifeste Depression übergehen.

Wie entstehen Burnout und Depression? Welche Mechanismen wirken?
Depression ist eine schwere körperliche Erkrankung. U.a. kommt es zu einer relativen Funktionsminderung von protektiven Botenstoffen im Gehirn wie Serotonin, Noradrenalin oder Dopamin. Auch die hormonelle Stressachse, u.a. mit Cortisol, ist involviert. Ferner müssen weitere körperliche Ursachen ausgeschlossen werden, wie zum Beispiel Schildrüsenfunktionsstörungen, weitere Stoffwechselstörungen oder der Effekt von Medikamenten. Auch Hirnerkrankungen wie z.B. Multiple Sklerose oder Schlaganfälle können organische depressive Störungen verursachen. Bei Sportlern können in diesem Kontext auch Schädelhirntraumata relevant sein.

Wer ist besonders gefährdet und warum?
Eine Depression kann jeden treffen. Etwa jeder Fünfte erkrankt mindestens einmal im Leben daran. Es ist von einer multifaktoriellen Genese auszugehen, d.h. genetische (ererbte biologische Faktoren) und Umweltbedingungen wirken zusammen. Wenn die krankheitsfördernden Faktoren die Abwehrkräfte (sogenannte Resilienzfaktoren) übertreffen, kann es zu einer Ausbildung einer depressiven Episode kommen.  Besonders gefährdet sind Personen, bei denen familiär bedingt die Abwehrmechanismen anfälliger sind oder wesentliche schützende und ausgleichende Faktoren fehlen oder wegfallen, z.B. stabiles privates Umfeld, berufliche und finanzielle Absicherung, ausbleibende Anerkennung oder Bestätigung, körperliche Gesundheit. Auch frühe Stresserfahrungen in der Kindheit oder Persönlichkeitsveränderungen können Personen anfälliger für Depressionen machen. Persönlichkeitsfaktoren begünstigen manchmal auch die Neigung, sich einseitig zu überfordern und auf die verfügbaren eigenen Ressourcen keine Rücksicht zu nehmen. Neben solchen Dysbalancen zwischen Anforderung und Erholung sind Übergänge bei Änderungen wesentlicher Lebensumstände weitere kritische Phasen, wenn wichtige Bezugspersonen wegfallen (z.B. Ende einer Partnerschaft) oder sinn- und identitätsstiftende Aufgaben entfallen (Renteneintritt, Berufsunfähigkeit). Betroffen im Sportkontext sind z.B. junge Sportler, die von der häuslichen Nestwärme ins entfernte Sportinternat ziehen, verletzungsbedingte Pausenzeiten oder der Zeitpunkt des Karriereendes, der manchmal früh und unverhofft eintreten kann.    

Wie viele Menschen im Spitzen-Sport und in der Wirtschaft sind betroffen?
Es ist davon auszugehen, dass Depressionen im Leistungssport und in Führungspositionen in etwa gleichem Maße vorkommen, wie auch in der Allgemeinbevölkerung. Mitunter können berufliche oder sportliche Erfolge helfen, Stimmungen zu stabilisieren, andererseits führen sie auch zu gesteigerten eigenen und externen Erwartungshaltungen, die neue Stressfaktoren bedeuten können. Häufige depressive Symptome können auch verhindern, dass Personen sich erfolgreich beruflich entwickeln.

Woran können Leistungsträger und deren Umfeld erkennen, ob man selbst oder jemand anderes betroffen bzw. möglicherweise gefährdet ist?
Frühe Zeichen einer Depression sind oft Erschöpfung, Traurigkeit, Freudlosigkeit, Durchschlafstörungen, frühmorgendliches Erwachen,  Appetitmangel, Übliche Erholungszeiten reichen oft nicht aus, sich zu regenerieren. Bei Sportlern äußern sich die Symptome anfangs oftmals körperlich mit Erschöpfungsgefühlen oder auch Schmerzen. Zum Trainingsreiz gehören ja immer wieder kurze Phasen der Leistungsüberforderung. Sportler sind also gewohnt, über Grenzen zu gehen und erkennen daher oftmals erst spät, dass sie schon in eine Erkrankungssituation rutschen. Es gibt hier Überlappungen zum Übertrainingssyndrom, bei dem es auch zu Stoffwechselveränderungen, z.B. im Bereich der Stresshormone, kommt. Oftmals wird bei Sportlern eine körperliche Ursache für eine Funktionsstörung eher akzeptiert als eine psychische Genese. Ein gut informiertes und aufmerksames Umfeld im Betreuerstab oder unter den Angehörigen kann sehr hilfreich sein, Rückmeldung zu geben. Für einen Selbstests kann z.B. der WHO-5-Test erste Informationen liefern. Bei begründetem Verdacht sollte ein Psychiater oder Psychotherapeut aufgesucht werden. Diese können im Rahmen der ausführlichen Befunderhebung ggf. auch weitere testpsychologische Untersuchungen vornehmen. Ein erster Kontakt zum Hilfesystem kann auch der behandelnde Haus- oder Sportarzt darstellen.   

Wie sehen Verlauf, Behandlungswege und Heilungschancen aus?
Eine Depression kann man meist sehr gut behandeln. Oft benötigt die Behandlung aber etwas Zeit. Die angewendeten Maßnahmen hängen von der Stärke und Ausprägung der Symptomatik ab. Bei leichteren Formen wird zunächst eine psychotherapeutische Behandlung empfohlen. Bei mittelschweren und schweren Ausprägungsgraden besteht dazu auch die Indikation einer medikamentösen Therapie, v.a. mit Antidepressiva. Ggf. werden bei schweren Verlaufsformen noch andere Medikamente eingesetzt. Auch  nicht medikamentöse Maßnahmen wie Licht- oder Wachtherapie können zusätzlich zum Einsatz kommen. In sehr schweren Fällen kann auch eine Elektrokonvulsionstherapie helfen, falls Medikamente nicht ausreichend wirksam sind. Die Behandlungsgrundsätze wurden in einer Nationalen Versorgungsleitlinie zusammengefasst. Darin wird u.a. auch empfohlen, körperliches Training und Sport als Therapeutikum einzusetzen, da auch dies antidepressive Wirkung besitzt. Wichtig ist es, daß auch lebensmüde Gedanken und Suizidalität erfragt, erkannt und behandelt wird. Leider kommt es immer wieder zu Suiziden, weil die Betroffenen im Rahmen der krankheitsbedingten Wahrnehmungseinengung sich selbst, die Umwelt und ihre Zukunft nur noch negativ wahrnehmen und die bestehenden Behandlungsoptionen nicht sehen. In diesen Fällen, aber auch bei schwereren Depressionen ohne Suizidalität, ist eine stationäre psychiatrische Behandlung meist unverzichtbar.

Welche Möglichkeiten der Prophylaxe bieten sich an (individuell, organisatorisch)?
Depressionen können nicht immer verhindert werden. Ein wichtiger Punkt ist sicher, schützende Faktoren wie ausreichende Erholung, ein stabiles soziales Umfeld und die eigene psychische und körperliche Gesundheit nicht zu vernachlässigen. Dies sollte auch vom Arbeitgeber oder Sportverein/ -verband, gerade und besonders im Nachwuchsbereich, gefördert werden. Enorm wichtig ist auch die Früherkennung und frühzeitige Behandlung von psychischen Störungen. Dabei sollte auch neben depressiven Symptomen auf Ängste, Essstörungen oder Suchtaspekte, die manchmal mit Depressionen vergesellschaftet sind, geachtet werden. Sportärzte oder Sportpsychologen können hilfreich sein, diagnostische oder therapeutische Maßnahmen bei psychiatrischen oder psychotherapeutischen Spezialisten einzuleiten und zu vermitteln.

An wen können sich Betroffene wenden?
Im Bereich des Sports gibt es die Möglichkeit, sich an ein Netzwerk von ambulanten Sportpsychiatern oder –psychotherapeuten zu wenden. U.a. wurden universitäre und außeruniversitäre sportpsychiatrische Zentren für seelische Gesundheit im Sport gegründet. Hinweise dazu gibt es u.a. auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). In Zusammenarbeit mit der Robert-Enke-Stiftung wurde auch eine Telefonhotline eingerichtet, bei der sich Betroffene über weitere Hilfsmöglichkeiten informieren können. 

Vielen Dank, Herr Henkel!

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Der Speaker, Coach und Bestsellerautor Dr. Michele Ufer ist international gefragter Experte für Sport- und Managementpsychologie und erfolgreicher Ultramarathon-Läufer.

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