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LIMIT SKILLS Blog zum Buch

„Man muss auf die eigenen Träumereien und tiefen Wünsche hören.“

Jan Heinze, 51, Einhand-Segler und Unternehmer

Der 51jährige Unternehmer aus Hamburg, Fahrtensegler von Kindheit an, hat sein Boot "Lonestar" auf dem „Mini-Transat 2015“ von La Rochelle nach Guadeloupe trotz eines schweren Ruderschadens mitten auf dem Atlantik noch 2000 Seemeilen bis ins Ziel gesegelt. Über seine Jahre in der Seglerszene und seine besondere Reise über den Ozean hat er das Buch "Atlantikfieber - ein Mann, ein Boot, ein Ziel"* geschrieben. Heinze, der früher Feldhockey in der Bundesliga spielte, betreibt in Hamburg ein staatlich anerkanntes Institut für die Aus- und Weiterbildung in technischen Berufen. Er beschäftigt rund 50 Mitarbeiter, ist verheiratet und hat drei Kinder. Obwohl er also „mitten im Leben steht“, setzt er sich mit seiner hochgezüchteten Rennyacht in der sogenannten „Mini-Klasse“ (6,50 Meter) immer wieder den Risiken des Einhandsegelns aus. Das besondere Handicap dieses Sports: Die Segler können nur sehr wenig schlafen – über den ganzen Tag verteilt nur ein paar Mal höchstens 20 Minuten am Stück.

 

Kurzschlaf – 20 Minuten höchstens – klingt schon mal krass. Was hat dir geholfen, das zu trainieren?

Ich habe früher Feldhockey gespielt, in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft. Da haben wir sportpsychologisch gearbeitet. Das Thema "Level of Arousal“* hat mir dann beim Segeln sehr dabei geholfen, mein Schlafmanagement zu verbessern.

* Arousal bezeichnet in der Psychologie ganz allgemein die Alarmreaktion des Organismus, bei der Stresshormone ausgeschüttet werden, die im ganzen Körper wirken, vor allem im Gehirn, im vegetativen Nervensystem und auf den Stoffwechsel. Der Mensch empfindet dabei eine Erregung, etwa durch sexuelles Verlangen, Ärger oder Angst. (Stangl, 2019)

Aber das ist sehr anstrengend…

Na klar, aber solche Abenteuer wie das ‚Mini-Transat‘ füllen meine Akkus für Jahre. Sie treiben mich an und geben mir Energie nach neuen Dingen zu suchen.

Was ist das ‚Mini-Transat‘?

Eine Regatta von Ost nach West über den Atlantik, die seit 1977 veranstaltet wird. Der Skipper qualifiziert sich dafür zusammen mit seinem Boot. Man kann das Boot nicht wechseln, denn wer mitsegeln will, muss beweisen, dass er sein Boot in allen Wetterlagen beherrscht. Außerdem muss man mit seinem Boot vorher mindestens einen festgelegten 1000-Seemeilen-Non-Stop-Törn außerhalb einer Regatta absegeln – ich habe für diese Strecke wegen des schwierigen Wetter in der Ostsee damals 12 Tage gebraucht. So arbeitet man sich hoch bis zur Klasse der A-Rennen.  Die meisten, die solche Langstrecken-Regatten segeln, konnten vorher schon sehr gut segeln. Viele stammen aus den olympischen Klassen. Aber es kommt noch ein wesentlicher Aspekt hinzu:  Man muss sich klarmachen, ob man das auch wirklich will. Also, ich habe zum Beispiel einen olympischen Segler kennengelernt, einen Italiener, der ohne Zweifel besser segelt als ich. Doch er hat nach ein paar Rennen gesagt, es sei nichts für ihn, tage- und nächtelang bei jedem Wetter allein auf See zu sein. Deshalb sind die vielen Qualifikationsrennen eine sehr gute Sache: Wenn du rausfindest, dass ‚es nichts für dich ist‘, dann kannst du noch so stabil im Kopf sein – aber es hat einfach keinen Sinn, vier Wochen lang draußen auf dem Ozean zu sein, wenn dies für dich am Ende nur einen einzigen Kampf  oder Krampf – bedeutet.

Was macht die Teilnahme an diesen entbehrungsreichen Regatten für dich so interessant?

Ich bin ja schon mein ganzes Leben lang gesegelt, schon als Kind, sogar Atlantikpassagen mit meinen Eltern und deren Freunden. Das hat mich fasziniert. Aber dieses Boot, in dem ich jetzt sitze, ist sehr klein, gerade mal sechseinhalb Meter lang. Das heißt, du sitzt direkt über dem Wasser, du wirst nass, du hörst das Wasser, du spürst jeden Lufthauch, wenn der Wind sich ändert. Und du hast mehrere Segel, um dich auf die Veränderungen einzustellen. Das macht diese Art des Segelns so intensiv. Und dann natürlich die Einsamkeit auf diesem Boot: Du wächst förmlich mit den Elementen zusammen. Es ist eigentlich gar kein Sport, möchte ich behaupten und natürlich ein vollkommen anderes Segeln, wenn man alleine ist, anstatt mit der Familie, Freunden oder einer Crew aufs Wasser zu gehen. Irgendwann habe ich festgestellt, dass mich das vor allem sehr nah zu mir selbst bringt. Deshalb habe ich damit angefangen und einfach weiter gemacht. 

 

„Es gibt immer eine rote Linie, die man nicht überschreiten darf.“

 

Lass‘ uns noch einmal aufs ‚Schlafmanagement“ zurückkommen und auf den ‚Level of Arousal‘: Wie soll ich mir das vorstellen, immer nur 15 bis 20 Minuten zu schlafen, wenn doch eigentlich fünf, sechs Stunden Schlaf bereits als untere Grenze gelten?

Es gibt unter uns Einhand-Seglern Profis, die in Schlaflaboren optimale Schlafrhythmen für sich herausfinden wollen. Diese Möglichkeit hatte ich nicht. Grundsätzlich bin ich ein Typ, der sowieso wenig schläft – etwa sechs Stunden, höchstens. Doch auf See, während einer Regatta, funktioniert das nicht, da müssen eben diese 15, vielleicht auch mal 20 Minuten reichen – und das ist eine Kopfsache, die was mit dem „Level of Arousal" zu tun hat, dem eigenen Erregungszustand oder auch Aktivierungslevel: Je ruhiger und konzentrierter man auf einer langen Passage auf einem Boot unterwegs ist, je weniger Nervosität und Aufregung man zulässt – und zwar egal ob es um Euphorie geht, um einen spektakulären Sonnenuntergang, um einen besonders schnell versegelten Tag oder um Freude oder um Angst wegen eines Gewitters – umso weniger Schlaf braucht man, um sich zu erholen. Man muss sich dabei vergegenwärtigen, dass man im günstigen Fall unglaublich wenig im Kopf verarbeiten muss, wenn man Einhand-Langstrecke segelt, jedenfalls weitaus weniger als an Land. Da muss man sich doch bloß einen durchschnittlichen, normalen Arbeitstag anschauen: Mit dem Klingeln des Weckers trudeln die ersten WhatsApp-Nachrichten und Emails auf dem Smartphone ein, dann aufstehen, rasch Duschen, Kaffee machen, ins Büro fahren, rote Ampeln, Stau, Baustellen, Fußgänger, Radfahrer, im Büro ankommen, mit weiteren Mails und Anrufen bombardiert werden, Termine, Meetings… Du weißt, wovon ich rede? Und all das passiert nicht, weit draußen auf See. Man hat nur den Horizont, das Wasser und den Himmel. Man muss sich um die Navigation und ums Essen kümmern, um die Technik des Segelns, und man muss versuchen, alles andere zu verdrängen. Wenn man das schafft, ist der Kopf viel entspannter – und dann braucht man auch viel weniger Schlaf. Einschränkend muss ich sagen, dass es natürlich doch einen kritischen Punkt gibt, und den habe ich durch Erfahrung kennengelernt: Man kann auch dann segeln, wenn man total übermüdet ist, doch da existiert eine rote Linie, und man muss höllisch aufpassen, dass man die nicht überschreitet.

Woran merkst du, dass du an diese Grenze stößt?

Wenn man nicht mehr weiß, wie müde man wirklich ist, ist dies der erste Schritt, der zu Fehlentscheidungen führen kann, die für Einhandsegler dramatische Folgen haben können. Andererseits ist es tatsächlich faszinierend – und das habe ich mehrfach selbst erlebt – dass sich diese ‚rote Linie‘ meist mit Halluzinationen ankündigt. Das Problem dabei ist, dass man das erst im Nachhinein merkt. Denn wenn man Halluzinationen bekommt, dann hat man nicht mehr die Klarheit im Kopf, die einem signalisiert, dass man sich dringend erholen sollte. Sondern man ist einfach nur fokussiert auf die Dinge, die man glaubt, zu sehen oder von der Stimme, die plötzlich aus dem Autopiloten kommt. Man realisiert jedoch nicht, dass dies gar nicht sein kann. Und das ist gefährlich. Das muss man beherrschen, und das wiederum kann man trainieren. 

So ganz allein auf See – hast du nicht manchmal auch Angst?

Wenn überhaupt, dann sind es die Angst und die Erschöpfung. Allerdings muss man sagen, dass die schwierigsten Situationen meistens gar nicht mal die schweren Wetter sind, also Blitze, Gewitter und Sturm. Viel anstrengender für die Psyche sind leichter Wind und Flauten, von denen man nicht weiß, wann sie zu Ende sind. Wenn man da nicht Gelassenheit an den Tag legt und sich loskoppeln kann von den ständigen Berechnungen – ‚wann bin ich wo und wie lange brauche ich noch, und wenn der Wind jetzt nicht kommt und ich weiterhin so langsam bin, dann brauche ich noch 2 Wochen bis ich da bin…‘ Das belastet einen. Ich musste lernen, mich in solchen Situationen zu entspannen. Ich habe sozusagen gelernt zu vergessen, wann man ankommt. Natürlich sollte man versuchen, möglichst schnell zu segeln, denn die ‚Mini-Transat‘ ist ja ein Rennen. Man will so schnell wie möglich ankommen, man freut sich über jede Meile, die man vorankommt. Obwohl man auf See so unglaublich glücklich ist. Ist das nicht paradox?

Was isst du eigentlich auf einer solchen Regatta? Es gibt ja keine Küche an Bord

Man isst im Wesentlichen Trekking-Nahrung: Das sind Tüten mit gefriergetrocknetem Essen. Und man hat einen ‚Jetboil‘, einen kleinen Kocher dabei, mit dem man ein bisschen Wasser sehr schnell auf Temperatur bringen kann. Und dann füllt man das kochende Wasser in die Tüte, lässt das Ganze zehn Minuten ziehen und dann löffelt man sein Essen aus der Tüte heraus. Am Anfang hatte ich noch versucht, etwas warm zu machen oder richtig zu kochen. Das könnte man ja auch auf einem ‚Jetboil‘. Aber, das ist auch so ein Aspekt: Solche Dinge stören nur, denn sie verbrauchen Aufmerksamkeit und Energie, die man für wichtigere Dinge benötigt. Dazu kommt, dass man Müll produziert und an Bord ohnehin nicht viel Platz ist. Überhaupt passen diese spartanischen Mahlzeiten meiner Meinung nach einfach am besten zu der psychischen Situation, in der man sich auf einer Einhand-Regatta über den Atlantik befindet. Doch was dann der glatte Wahnsinn ist, wenn man sich dem Ziel nähert und feststellt, dass man trotz des kapitalen Ruderschadens bloß 33 Tage benötigt hast und man jetzt gefahrlos über die Reserven herfallen kann, die man selbstverständlich eingepackt hat. Als ich merkte, dass ich nur noch zwei Tage segeln würde, aber gleichzeitig noch 14 Tüten gehortet hatte, fing ich natürlich an, zu plündern. Das ist eine unbeschreibliche Freude, diese Tüten aufzumachen, sich die Kekse herauszuholen – ach, herrlich!

Wo siehst du als Unternehmer die Parallelen einer Einhand-Segelregatta zum Business?

Man muss auf die eigenen Träumereien und tiefen Wünsche hören. Die Motive der Segler sind sehr unterschiedlich, aber sie vereint, dass sie viel investieren, um das machen zu können. Es gibt da irgendein Elixier, das sie antreibt. Sich in einem solchen Umfeld zu bewegen, ist höchst inspirierend. Es ist großartig, Menschen um sich zu haben, die etwas verfolgen, was sie sich ganz stark wünschen. Das ist das ideale Umfeld, was man im Unternehmen versuchen sollte herzustellen. Man sollte Menschen finden, die sich sehr stark mit einer Sache identifizieren, die von etwas angetrieben sind. Als ich noch ein Kind war, haben wir uns oft die Schiffe am Hafen angeguckt. An manchen hingen Algen und Pocken drunter, weil sie zu wenig bewegt wurden. Da sagte mein Vater: ‚Das wichtigste ist, du musst absegeln können. Das ist wichtiger als gut segeln zu können oder als die perfekte Ausrüstung. Du musst irgendwann bereit sein einfach loszufahren, sonst kommst du nicht los. Wenn du ewig planst und den perfekten Moment im Leben abwartest, dann wird das nichts. Du musst irgendwann sagen: Jetzt aber Leinen los!‘

Abenteuer heißt auch, man geht, fährt oder segelt – wie in deinem Fall – an Grenzen. Was machen Grenzerfahrung für dich so interessant?

Wir müssten erst einmal überlegen, was Grenze eigentlich heißt. Wenn man Grenzerfahrungen macht oder Abenteuer erlebt, kommt man sehr nah an sein Innerstes heran. Ich habe das für mich so charakterisiert, dass Übergänge verschwimmen. Ich hatte dieses transzendente Gefühl, dass ich einen eigenen Kosmos mit all dem, was mich umgab, entwickelt hatte. Das ist aber gar nicht viel, bloß Wolken und Himmel, Sterne, der Ozean mit seinen unterschiedlichen Wellenbildern und Farben und mein Boot. Mehr ist da nicht. Doch irgendwann hat man das Gefühl, es ist alles eins. Aber da ist nichts Bedrückendes. Es ist einfach nur ein sehr inniges Gefühl.

Vielen Dank für das Gespräch!

Und nächsten Donnerstag:
„Es ist wichtig, dass man lernt, das Leben zu managen." Ein Gespräch mit dem "tiefsten Mann der Welt": Herbert Nitsch. Der ehemalige Pilot und vielfacher Weltrekordhalter im Apnoetauchen spricht über Grenzen, sein Come Back nach einem tragischen Unfall, Leistungsdruck und die Bedeutung des Körpergefühls.

Zum Buch
Limit Skills. Die eigenen Grenzen respektieren, testen, überwinden

Das Buch Limit Skills enthält neben spannenden Geschichten und Interviews über Grenzerfahrungen fundierte Impulse zu Motivation, Mentaltraining, Lernen & Wachstum, Willenskraft, Persönlichkeit, Intuition, Regenerationsmanagement, Teamdenken.

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Der Speaker, Coach und Bestsellerautor Dr. Michele Ufer ist international gefragter Experte für Sport- und Managementpsychologie und erfolgreicher Ultramarathon-Läufer.

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