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LIMIT SKILLS Blog zum Buch

„Egal in welchem Bereich des Lebens: Es ist wichtig, dass man lernt, das Leben zu managen.“

Der Österreicher Herbert Nitsch, 49, trägt den Titel „Deepest Man on Earth“. Der ehemalige Pilot (im zivilen Leben) und Apnoe-Taucher (im anderen Leben) war im Juni 2012 vor der griechischen Insel Santorin mit nur einem Atemzug 253,2 Meter in die Tiefe getaucht. Nachdem er die Tiefe erreicht hat, schlief Herbert auf dem Weg nach oben aufgrund einer Stickstoffnarkose (Tiefenrausch) kurzzeitig ein. Dadurch versäumte er den geplanten Dekompressionsstop (immer noch luftanhaltend) von einer Minute vor dem Auftauchen, was 15 Minuten nach dem Auftauchen zu einem schweren Dekompressions Unfall führte. Seine Rehabilitation dauerte Jahre. „Im Nachhinein ist man immer gescheiter. Ich hätte nie gedacht, dass der Unfall so einen Einfluss auf mein Leben haben würde“, sagte Nitsch in einem Interview des ORF. „Ich sehe Freitauchen nicht als Extremsportart. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich bei Extremsportarten ein Risiko eingehen würde, wenn ich einen Salto mit dem Motorrad oder mit dem Mountainbike vollführe. Für mich als Laie in diesen Bereichen wären zu viele unkalkulierbaren Risiken dabei.“

Was bedeutet für dich der Begriff „Grenze“ und woran merkst du oder merken andere, dass du in Grenzbereiche vorstößt?

 Grenze ist etwas Relatives und Flexibles. Als Grenze erscheint mir das, was ich im Augenblick nicht überwinden kann. Im Moment bin ich also an meine Grenze gestoßen. Das kann jedoch am nächsten Tag ganz anders ausschauen. Wenn meine Grenze beim Luftanhalten heute bei acht Minuten ist, dann liegt sie, bei vernünftigem Training irgendwann später vielleicht bei zehn Minuten. Das heißt, dass Grenzen keinen absoluten, sondern einen Momentanzustand darstellen. Das ist auch beim Tauchen so. Mein ursprüngliches Ziel war es, 1000 Fuß zu tauchen, dass sind etwa 328 Meter. Die 1000 Fuß waren eine Grenze, die ich mir selbst gesetzt habe, weil ich dachte, dass es zu gefährlich wird, wenn ich diese überschreite.

Wann weißt du aber, dass du an einer Grenze angekommen bist?

Ich kenne diese Grenze nicht. Wieviel Risiko will man eingehen? Gewisse Risiken möchte man eingehen und gewisse andere Risiken sind einem zu viel. Um auf den Tauchgang zurückzugreifen, der damals vor Santorin schief gelaufen und zu meinem schweren Unfall geführt hat: Der Auslöser war minimal, andererseits hat nur wenig gefehlt, damit gar nichts Schlimmes passiert. Mit anderen Worten: Es ist nur ganz wenig schiefgelaufen. Ich hätte vielleicht etwas entspannter und ausgeschlafener sein müssen, vielleicht hätte ich auch ein wenig mehr trainieren sollen. Nach wie vor glaube ich, dass die 1000 Fuß machbar sind. Ich hatte damals das momentane Limit, nicht das absolute Limit überschritten. Zwischen diesen beiden Grenzen liegt ein großer Unterschied. Am Anfang war es bereits Wahnsinn, wenn ich 14 Meter tauchen würde. Mit der Zeit habe ich andere Techniken gelernt und bin immer tiefer getaucht. Die Grenze ist also ein „Momentanzustand“. Und wenn man sich gut darauf vorbereitet, um sie zu überschreiten und wenn man sich ihr vernünftig annähert, dann ist sie zu überwinden. Darin besteht die Kunst.

Wie lotet man Grenzen aus?

Grenzen auszuloten ist für viele Menschen etwas Normales. Als Kind schaut man, was bei den Eltern geht und was nicht. Ich glaube, das ist im Kindesalter ist normal. Als Erwachsener sind einem jedoch deutlich mehr Grenzen gesetzt: Durch den Beruf, durch die vielfältigen Faktoren, die zur Einschränkung der Zeit führen, die man zu seiner privaten Verfügung hat. Die Leute, die ihren Grenzen wirklich ausloten möchten, zu denen ich mich auch zähle, möchten ihre Leistungsfähigkeit steigern und erfahren, wie weit sie gehen können. Sie lernen dabei, ihren eigenen Körper optimal zu beeinflussen – natürlich ohne ihn zu schädigen. Viele Extremsportarten gehen zu Lasten des Körpers. Und das ist ein Aspekt, den ich nicht tolerieren kann. Ich würde meinen Körper nicht bewusst einer Gefahr aussetzen. Zum Beispiel würde ich als Radfahrer kein Epo oder irgendwelche Steroide nehmen, nur um meine Leistung zu steigern.

Was hat dein Comeback nach deinem Unfall erleichtert?

Was mein Comeback enorm erleichtert hat, war meine Ernährungsumstellung. Ich hatte mich zuvor schon sehr gesund ernährt und hatte dann auf supergesund umgestellt: Vegan, kein Zucker, kein weißes Mehl, Nüsse, Samen, Gemüse, Obst. Jeden Morgen habe ich nur Obst gemixt. Und das ist schon sehr wichtig, denn „du bist was du isst.“ Es gibt viel Irrglaube in Bezug darauf, was gut und gesund für den Körper ist.

Du hast viele Tauchrekorde aufgestellt. Welche Botschaft würdest du beispielsweise anderen Tauchern mitgeben?

Dass man nicht nur einen einzigen Weg verfolgen sollte. Das gilt generell fürs Leben und nicht nur im Sport. Man sollte sich alle möglichen Wege anschauen und für sich überlegen, welches beste Weg für einen selbst ist. Man muss dabei jedoch berücksichtigen, dass nicht alle Dinge bei jedem gleich sind. Zum Beispiel geht es bei mir nicht darum viel, sondern effizient zu trainieren. Die meisten Freitaucher haben mehr als ich trainiert und trotzdem habe ich sie geschlagen. Denn mein Training war viel effizienter und so trainiere ich in einer Stunde so viel wie andere in vier oder fünf Stunden. Die Atemübungen auf der Couch zum Beispiel mache ich nur zehn Tage vorm Wettkampf. Freitauchen zehrt nämlich am Körper: Man muss es immer mit leerem Magen machen. Man muss den ganzen Metabolismus zurückfahren, damit man weniger Sauerstoff verbraucht. Aber der Nebeneffekt ist, dass man an Muskelmasse verliert. Ich trainiere Kraft-Ausdauer – Radfahren, Inlineskaten, Gewichte stemmen – das ganze Jahr über. Aber Freitauchen, das mache ich nur eine gewisse Zeit lang, weil ich dabei abbaue. Es ist wesentlich effizienter für einen kurzen Zeitraum sein Maximum zu geben, als für einen langen Zeitraum nur 90 Prozent. Freitauchen ist weniger Training, mehr Adaptation des Körpers an die Bedingungen und Voraussetzungen, in denen er an seine Grenze gehen soll.

Viele Läufer machen sich ja kaputt, weil sie zu viel laufen.

Ich mache zwar ein paar Wettkämpfe, aber dazwischen trainiere ich nicht wie bekloppt. Andere machen dazwischen zu viel und machen sich dadurch kaputt, weil sie sich keine Erholungspausen gönnen. Also zwischendurch intensiv, aber ansonsten auch ruhiger. Aber immer möglichst effizient.

„Die Leute wissen zwar, was gut für ihr Auto ist, aber was gut oder schlecht für den eigenen Körper ist: Das wissen sie nicht.“

 Wie können wir unsere Leistung steigern, die eigenen Grenzen erweitern oder überwinden ohne uns später in Erschöpfung, Burnout, Verletzung oder Tod zu navigieren?

 Man muss sich andauernd mit seinem eigen Körper auseinandersetzen, seine eigenen Grenzen immer wieder ausloten. Ich führe immer wieder dieses Beispiel an: Viele Leute tanken ihr Auto für viel Geld voll, gehen dann rein zum Bezahlen und nehmen sich rasch noch Chips und Cola mit. Sie wissen zwar, was gut für ihr Auto ist, aber was gut oder schlecht für den eigenen Körper ist, das wissen sie nicht. Ein Auto kann man sich wieder kaufen, den eigenen Körper hingegen nicht. Es ist daher essenziell für viele Extremsportarten und überhaupt generell wichtig für jedermann, dass man sich mit dem eigenen Körper auskennt. Wenn man Kopfweh hat, dann einfach nur eine Aspirin zu schlucken, ist etwas naiv. So funktioniert das größtenteils auch in der Medizin. Wenn man irgendwelche Beschwerden hat, dann weiß man, dass man irgendwelche Tabletten schlucken soll, ohne zu wissen, wieso das so ist. Meine Kopfschmerzen waren zum Beispiel auf Verspannungen im Nacken zurückzuführen. Als ich das herausgefunden hatte, war es mir möglich, die Kopfschmerzen in relativ kurzer Zeit gänzlich und ohne Wiederkehr in den Griff zu kriegen. Ohne Medikamente. Man muss sich auch fragen: „Wo sitzen meine inneren Organe und was für eine Funktion sie haben. Und vor allem: Wie sieht ihr Zusammenspiel aus?“

Das eigene Körpergefühl ist also ganz entscheidend?

Ich glaube, bei uns Sportlern ist es enorm wichtig, ein gutes, das heißt richtiges Körpergefühl zu entwickeln. Es wird ja oft gesagt, der Geist siege über den Körper. Und ich denke, das ist problematisch, denn er gibt uns ja auch eine Rückmeldung. Der Körper sendet uns Zeichen, und wenn wir die nicht zuhören, dann kann es auch mal schwierig für uns werden. Der Körper und das Mentale sind eine Einheit. Diese beiden müssen ineinander greifen. Insbesondere beim Freitauchen bekomme ich es voll mit, was sich im Körper alles abspielt. Und ich weiß, was ich mental beeinflussen kann.

„Man tut Dinge genau dann, wenn die Zeit dafür da ist.“

Deine Lieblingsdisziplin ist "No Limit". Stimmen dann solche Testimonials der Motivationstrainer wie "Reiße deine Grenzen ein", "Es gibt keine Grenzen"?

 Damit können doch nur wenige etwas anfangen! Prinzipiell finde ich die Idee dahinter zwar nicht schlecht. Aber ich glaube, dass die Leute diese Testimonials größtenteils falsch interpretieren. Viele Leute können sich zwar vorstellen, ein Ziel zu erreichen. Aber nur wenige sind bereit, auch das Notwendige dafür zu tun. Solche Slogans einfach nur daher zu sagen, ohne über das nötige Hintergrundwissen zu verfügen: Das hat wenig Sinn.

Oder man zieht die falschen Schlüsse daraus? Es ist schon erstaunlich wie Leute aufgrund des zunehmenden Leistungsdrucks in Erschöpfungszustände kommen…

 Ja, als Fußballer wäre ich auch depressiv (lacht). Ich persönlich kann es mir nicht vorstellen, wie man in seinem Berufsleben auf einen Burnout hin steuert, ohne dagegen zu steuern. Wenn einem etwas zu viel wird, dann macht man halt weniger und eben nicht noch mehr.

Das Interessante ist aber, dass gerade die Leute, die besonders erfolgreich sind, High Performer und High Potentials, auch besonders gefährdet, weil sie Erfolg haben und noch mehr Leistung bringen wollen und dabei nicht selten vergessen, dass sie auch mal ihre Akkus aufladen müssen.

 Ich habe das bisher nur bei einer Person gesehen. Und das war eine Person, die alles selbst gemacht hat. Alles. Egal in welchem Bereich des Lebens: Es ist wichtig, dass man lernt, sein Leben zu managen. Und die Leute, die das nur schlecht oder gar nicht können, neigen womöglich zum Burnout. Wenn man das halbwegs unter Kontrolle hat, dann wird man nicht in diese Gefahr geraten. In der Fliegerei habe ich gelernt, dass man die Dinge dann tut, wenn die Zeit dafür da ist und wenn sie gerade wichtig sind. Beim Start denke ich deshalb nur an die Dinge, die für den Start wichtig sind. Ich mache mir keine Gedanken, über die Landung.  Alles zu seiner Zeit. Dies ist die Maxime des Selbstmanagements.

Vielen Dank für das Gespräch!

Und nächsten Donnerstag:
"Es gibt nicht nur vom Mensch gemachte Grenzen.“ Talk mit Alexandra Meixner, Weltrekordhalterin im Ultra-Triathlon (mehrfach "Ironman"), Frauenärztin, Kabarettistin, Sexualtherapeutin.

Zum Buch
Limit Skills. Die eigenen Grenzen respektieren, testen, überwinden

Das Buch Limit Skills enthält neben spannenden Geschichten und Interviews über Grenzerfahrungen fundierte Impulse zu Motivation, Mentaltraining, Lernen & Wachstum, Willenskraft, Persönlichkeit, Intuition, Regenerationsmanagement, Teamdenken.

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Der Speaker, Coach und Bestsellerautor Dr. Michele Ufer ist international gefragter Experte für Sport- und Managementpsychologie und erfolgreicher Ultramarathon-Läufer.

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