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"Wenn der Druck zu groß wird, dann hält das System nicht mehr stand."

Fabian Rießle, Nordischer Kombinierer

Der 28jährige Sportsoldat (Jahrgang 1990) aus Freiburg im Breisgau startet im A-Kader der deutschen Nationalmannschaft der Nordischen Kombinierer (Skisprung & Langlauf). Bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi gewann er (nach einem Sturz-Drama mit seinen beiden Mannschaftskollegen Johannes RyBronze im Einzel und Silber im Teamwettbewerb. Vier Jahre später in Pyeongchang gewann er Team-Gold und Silber im Einzel. 2015 und 2017 wurde er mit der Mannschaft Weltmeister im Team, 2019 bei der WM in Seefeld belegten die deutschen Nordischen Kombinierer den zweiten Platz in der klassischen Teamwertung und den ersten Platz im Teamsprint. Darüber hinaus feierte Rießle bis heute (Stand Mai 2019) insgesamt 15 Weltcupsiege im Einzel und mit der Mannschaft.   

 

Du bist im Jahr 2012 beim Training von der Großschanze schwer gestürzt und wolltest daraufhin deinen Sport an den Nagel hängen. Wie kam es zu dem Unfall?

Bei uns Kombinieren wird immer sehr viel am Material getestet und entwickelt. Wir Deutschen hatten damals eine eigene Bindung entwickelt, die sehr aggressiv war. Während des Übergangs zwischen Anlaufspur und des Absprungs von der Schanze, wurde der Druck für mich zu groß. Dabei kamen die Ski meinem Körper zu nahe. Doch wenn der Druck so groß wird, dann klappt der Ski nach vorne weg. Dadurch habe ich einen Vorwärtssalto gedreht – die Verletzungen habe ich mir dann beim Aufprall zugezogen. Also war zum einen wohl das Material Schuld, vermutlich habe ich aber in jenem Moment auch falsch reagiert und habe mir durch den Vorwärtssalto und den folgenden Aufschlag die Verletzungen zugezogen.

Würdest du heutzutage anders reagieren?

Vermutlich ja, denn in dem Moment, wenn man halt während des Sprungs merkt, dass irgendetwas was schief geht, helfen – wenn überhaupt – nur noch Reflexe – und deshalb kann man nicht sagen, wie man dann anders reagieren würde.

Solch ein Worst-Case-Szenario kann man wahrscheinlich nicht trainieren?

Natürlich weiß man, dass man zum Beispiel nicht die Beine anziehen sollte. Es ist ja oft so, dass man, wenn man den Schanzentisch verlässt und in die Flugphase übergeht, ein bisschen schräger in der Luft liegt – und dann gibt’s da ja noch immer den Wind… Aber normalerweise richtet sich das System eigentlich von alleine wieder ein, so dass man einigermaßen sicher aufsetzen kann. Doch wenn es wie in meinem Fall zum Salto kommt, kann man nichts mehr machen…

Weißt du noch, was du in jenem Moment gedacht hast?

In meiner Jugend hatte ich relativ häufig solche Stürze. Da hatte ich leider ein bisschen Pech und dann kommt einem die Zeit ewig vor. Das kennt wahrscheinlich jeder, der es schon mal erlebt hat, wenn ein echter Hammer auf ihn zukommt, der gleich einschlagen wird. Ich habe das natürlich gemerkt und wusste, oh Scheiße, irgendetwas läuft hier gerade ganz falsch – und dann habe ich mich wohl innerlich nur noch auf den Aufprall vorbereitet. Ich wusste aber nicht, wie ich landen würde – auf dem Kopf, auf dem Rücken oder auf der Seite…

Wie ging‘s weiter?

Ich war eine Woche im Krankenhaus. Als ich im Krankenwagen war, sagte ich zu meinem Trainer, dass das mein letzter Sprung war und ich hier aufhöre. Im Krankenhaus hatte ich viel Zeit zum Nachzudenken. Zuhause wollte ich zunächst nicht viel darüber reden, schob das Thema erst mal von mir und habe die Zeit für Reha genutzt. Dann habe ich natürlich nach und nach mit meinem engsten Familienkreis und ein paar Trainern aus meiner Jugend darüber geredet und auch offen gesagt, dass ich Angst habe und nicht weiß, ob ich jemals wieder springen werde oder will. So habe ich das dann versucht aufzuarbeiten.

Du sagtest, die körperliche Verletzung sei das Eine, die psychischen Schäden seien das Andere. Was meinst du damit?

In dem Moment, wo man oben losfährt, sich aber nicht hundertprozentig sicher ist, ob alles funktioniert oder ob man nicht gleich wieder einen Sturz hat… Da braucht man Zeit und muss sich von Sprung zu Sprung wieder herantasten, um sich selbst zu zeigen, dass man es eigentlich doch kann.

Trotz deiner Unsicherheit bist du dann wieder gesprungen?

Nach dem Sturz habe ich zunächst auf ganz kleinen Schanzen angefangen und mich wieder gesteigert, obwohl ich eigentlich schon die ganze Zeit wusste, dass ich das kann. Dadurch konnte ich wieder Sicherheit zurück gewinnen. Wenn man an sich selbst glaubt und wieder Vertrauen findet, wenn man nie aufgibt, dann kann es wieder gut werden, wie man in meinem Fall sieht.

Was waren deine bedeutsamsten Erfolge?

Das war natürlich die Bronzemedaille im Einzel in Sotschi, weil es mein erster großer Einzelerfolg war und der so überraschend kam. Und dann natürlich die Silbermedaille aus Pyeongchang im Einzel und die Goldmedaille im Team.

Was ist das Knifflige an deinem Sport?

Das Kniffligste ist, dass es zwei Sportarten sind, die sich eigentlich überhaupt nicht riechen können. Beim Langlaufen sind Kraft und Ausdauer wichtig und das Skispringen wiederum ist eine Sportart, wo man sehr feinfühlig, schnell und kräftig sein muss. Das ist das Coole daran, dass man zwei Sportarten, die eigentlich nicht so wirklich zusammenpassen in einem verbinden kann. Es bringt mir nichts, wenn ich gut Skispringen, dafür aber nicht Langlaufen kann. Ich muss schauen, dass ich beide Disziplinen sehr gut kann und nicht nur eine richtig gut. Das muss sich immer die Waage halten. Also wenn ich viel in Ausdauer mache, dann leidet Springen darunter und wenn ich viel im Springen mache und das Ausdauertraining hinten anstelle, dann leidet Laufen darunter. Man muss immer so viel machen, wie es geht, aber zu viel ist meistens auch nicht so gut.

Wie wichtig ist der Kopf, die Psyche für den Erfolg?

Ziemlich wichtig. Wenn man mit sich selbst nicht im Reinen ist, nicht an sich selbst glaubt und die eigene Leistung anerkennt, dann glaube ich nicht, dass es im Leistungssport wirklich funktioniert. Es gibt ja viele Sportler, die im Training super gut sind und wenn es dann im entscheidenden Moment darauf ankommt, zu viel nachdenken und es dann nicht so richtig funktioniert.

Gehst du inzwischen anders an die Herausforderungen deiner Sportart heran?

Je älter ich werde, umso ruhiger werde ich allem gegenüber. Manchmal hat meine Leistung Schwankungen. Das ist normal. Ich weiß inzwischen, dass man immer bei sich bleiben und weiter an sich glauben sollte, auch wenn es mal nicht so funktioniert. So kann man besser mit Rückschlägen umgehen.

Wie viel Mut und Risiko sind in deinem Bereich nötig oder auch gut?

Beim Skispringen ist schon Mut gefordert. Aber wenn man zig tausend Sprünge in den Beinen hat, dann hat man auch Routine darin. Je mehr man ans Limit geht, umso weiter kann man springen. Das hat schon was mit Risiko zu tun. Wenn ich aber zu weit ans Limit gehe, dann kann es natürlich auch sein, dass es mich umhaut. Man muss da die richtige Balance finden und darf nicht versuchen zu viel in den nächsten Sprung hineinzulegen Denn das geht meistens nach hinten los.

Hast du manchmal Selbstzweifel?

Selbstzweifel kenne ich natürlich. Wenn man Phasen hat, wo es beim Training und im Wettkampf nicht so ganz läuft, dass man nicht zweifelt, sondern weiter macht – und wenn man auch mal hinfällt, nicht gleich sagt "Jetzt habe ich keine Lust mehr. Jetzt reicht´s mir!" – da muss man stark bleiben, weitermachen und sein Ziel vor Augen behalten.

Was hältst du von dem Slogan „Reiß‘ deine Grenzen ein“?

Wenn ich beim Springen über die Grenzen hinausgehe, dann kann ich mir ganz schön schwer wehtun. Da muss man immer gut einschätzen, wie weit man wirklich gehen kann oder will.

Und was hältst du von dem Spruch "Wenn du willst, kannst du alles erreichen"?

Wenn ich am Tag X meine beste Leistung zeige, aber fünf andere Springer eben noch besser sind, dann kann ich mir groß vornehmen, dass ich Erster werden will – dann reicht es aber trotzdem nicht.

 

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Der Speaker, Coach und Bestsellerautor Dr. Michele Ufer ist international gefragter Experte für Sport- und Managementpsychologie und erfolgreicher Ultramarathon-Läufer.

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